Passage von der Chesapeake Bay nach Antigua

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Nachdem der zweite Tag unserer Passage ruhig zu Ende gegangen ist mache ich die erste Nachtwache. Es ist ruhig; der Skipper schläft unten in der Kabine. Ich freue mich als er gegen 0.30h hochkommt und die Wache übernimmt. Jetzt darf ich schlafen. Doch als ich in der Kabine liege werden die Bootsbewegungen immer heftiger. Die Schräglage ist extrem. Zwischendurch gibt es laute Schläge, wenn das Boot in die Wellen knallt. Es ist nicht nur unmöglich zu schlafen, sondern ich fühle mich auch immer schlechter🤢, je länger ich dort unten ausharre. Es hilft nichts, ich muss die Segelklamotten wieder anziehen und rauf an Deck. Erfahrungsgemäss sollte es dann besser werden.

Als ich an Deck komme ruft der Skipper: „Wir haben ein Problem😱 „. Ein Bolzen der Rollreffanlage der Genua ist abgerissen. Das Vorsegel lässt sich nicht mehr elektrisch ein- oder ausrollen. Das Segel und die Schoten flattern. Meine Seekrankheit interessiert jetzt gerade nicht. Der Skipper muss bei diesem Seegang an den Bug und das Segel per Hand einrollen. Das ist extrem anstrengend. Ich muss hinten die entsprechenden Leinen bedienen, was nur bedingt klappt, da ich mich mit der ganzen Situation überfordert fühle. Nach einer gefühlten Ewigkeit ist das Segel eingeholt. Glücklicherweise hat escape zwei Vorsegel. Als Ersatz für die Genua rollen wir die kleinere Selbstwendefock aus. Der Wind ist so stark, dass wir auch damit gut vorwärts kommen.

Als der Skipper wieder im Cockpit sitzt ist es um mich geschehen. Die Seekrankheit „bricht“ im wahrsten Sinne des Wortes voll aus🤮. Es geht so schnell, dass ich es nicht mehr bis an die Reling schaffe oder der Skipper rechtzeitig einen Eimer holen könnte. Gut, dass momentan soviel Wasser übers Boot kommt, dass der Schaden nicht allzu groß ist. Lediglich einige Schoten muss der Skipper am nächsten Morgen einer grünlichen Reinigung unterziehen.

Von da an wird die Passage für mich zur Qual. Ich liege die ganze Zeit apathisch auf der Leebank (die untere Bank auf der dem Wind abgewandten Seite des Bootes), dem einzigen Platz auf dem Boot, wo man sich nicht krampfhaft festkrallen muss um nicht herunterzurutschen. Teilweise fällt es mir sogar schwer Wasser bei mir zu behalten. Da ich aber weiss, dass Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme wichtig sind um das Ganze nicht noch schlimmer zu machen. nehme ich ab und zu etwas zu mir. Bis zum Ende der Überfahrt ernähre ich mich nur von Corn Flakes mit Wasser ein bisschen Banane und Apfelmus. Medikamente helfen nur bedingt. Scopolamin-Pflaster würden helfen, die darf ich aber seit einigen Jahren wegen der Nebenwirkungen nicht mehr nehmen. Also leide ich stumm, mal mehr mal weniger. Ich versuche Optimismus zu zeigen, um den Skipper nicht mit meinen Problemen zu belasten.

Volker ist damit beschäftigt escape durch die rauhe See zu manövrieren, regelmässig studiert er den Wetterbericht, kontrolliert den Kurs und korrigiert die Segelstellung. Zu meinem Entsetzen ist keine Wetteränderung in Sicht. Wir fahren die ganze Zeit extrem hart am Wind, durch hohe Wellen, zwischenzeitlich gibt es immer mal wieder eine Welle die das Boot komplett überspült. Dass die Wellen nicht gerade klein sind erkennt man auch daran, dass wir es tatsächlich schaffen einmal eine Welle mit über 15 Knoten Geschwindigkeit hinunter zu surfen, wie man auf dem Tracker erkennen kann.

Es gibt noch eine Stelle, wo mir weniger übel ist, den Steuerstand. So bewege ich mich ab und zu kriechend nach hinten, und sitze angegurtet eine Weile am Steuerstand um mir den Wind um die Nase wehen lassen. Man kann sich das in etwas so vorstellen wie wenn jemand, der nicht gerne Achterbahn fährt stundenlang Achterbahn fahren muss, Runde um Runde. Oder wie wenn man sich auf das Dach eines Geländewagens setzt und bei strömendem Regen ein Flussbett hochfährt. Das Schlimmste ist: Es gibt keinen Ausweg. Ich muss da jetzt durch, es gibt keinerlei Land in der Nähe und zum Umkehren ist es auch schon zu weit.

Während wir auf direktem Wege von Hampton nach Antigua segeln sind die meisten anderen Boote der Salty Dawg Rally ein ganzes Stück weiter nach Osten gefahren, bevor sie dann Richtung Süden gehen. Diese Route soll etwas komfortabler sein. Einige Boote machen spontan eine Zwischenstation auf Bermuda, um sich von den Strapaze zu erholen. Für uns ist das allerdings zu weit entfernt. Später erfahre ich, dass Chris Parker, der Wetterberater der Salty Dawgs“ in einem seiner Emails ausdrücklich darauf hinweist, dass er den Kurs von escape nicht empfohlen hat. Der Skipper hat eben seinen eigenen Kopf und mich hat ja niemand gefragt…

So vergehen Tag drei, vier und fünf unserer Passage. Auch der Skipper vermeidet mittlerweile längere Zeit unter Deck zu sein, da es so unangenehm ist. Er leidet sehr. Nein, nicht wegen mir, sondern weil es ihm jedes Mal wehtut wenn escape in die Wellen kracht. Er macht sich Vorwürfe, dass er sie solchen Strapazen aussetzt. Aber im Gegensatz zu mir schlägt sie sich tapfer und kämpft sich Meile um Meile durch die Wellen. Zu mir sagt der Skipper immer: „Kein Problem mit Deiner Seekrankheit, nach drei Tagen ist alles vorbei“. Also wache ich an Tag sechs unserer Passage gutgelaunt auf und denke, dass es mir ab jetzt besser geht. Fehlanzeige, kurze Zeit später hänge ich wieder über dem Eimer. Da macht sich Hoffnungslosigkeit breit. Es dauert immer noch einige Tage bis Antigua und der Gedanke diese weiterhin mit permanenter Übelkeit und Erbrechen zu verbringen macht mir Angst. Wimmernd liege ich auf meiner Bank und schluchze „Ich kann nicht mehr“😭. Glücklicherweise ist es auf dem Boot durch Wind und Wellen so laut, dass der Skipper das nicht mitbekommt. Oder vielleicht tut er auch nur so?😉 Aber er kümmert sich fürsorglich um mich. Er bringt mir Essen und Trinken. Wenn ich einmal etwas aus der Kabine benötige holt er es mir. Nach wie vor kann ich nicht nach unten gehen ohne dass mir noch mehr übel wird. Wenn ich kurz das Bad aufsuchen muss, ändert er den Kurs und nimmt Lage aus dem Boot damit ich es irgendwie schaffe.

Ausser uns hat noch eine einzige Segelyacht die direkte Route gewählt. Die SY Fatjax, eine Shipman 63, ist mit Skipper Iain extrem schnell unterwegs. So sehr sich der Volker auch anstrengt, Fatjax ist schneller. Allerdings wiegt sie auch nur ein Drittel von escape. Über IridiumGo (unser Satelliten Email System) erhalten wir eine Nachricht von Iain. „Hallo, dies ist aber nicht der Weg auf die Bahamas“🤣. Iain schreibt dass er einhand unterwegs ist und er und Fatjax auch mit den harten Bedingungen dieser Passage zu kämpfen haben. Der Skipper meint nur: „Der hat es gut. Er muss nur einhand segeln. Ich muss alleine segeln und bin gleichzeitig auch noch Krankenpfleger“.😂😂😂

An Tag 6 hört sich unser Autopilot auf einmal merkwürdig an. Der Skipper schaut und bemerkt dass wir ein dickes Seil mit mehreren kleinen Bojen und einem Kugelfender mit ca. 80cm Durchmesser hinterher ziehen😲. Mit Bootshaken und Segelmesser entfernt der Skipper so viel wie möglich. Aber ein Teil des Seils hat sich offenbar um den Propeller gewickelt. Der Motor läuft, hat aber keinen Schub nach vorne. Normalerweis müsste man jetzt tauchen und die Leine entfernen. Eine Option die hier, mitten auf dem offenen Atlantik, bei diesem Wellengang und mit unserer Crewstärke(oder besser gesagt Crewschwäche😄) nicht in Frage kommt. Also machen wir den Motor wieder aus und segeln weiter, Wind ist ja genug. Das Tauchen verschieben wir auf unsere Ankunft in Antigua.

Auch an den letzten Tagen unserer Passage wird das Wetter nicht besser. Die Wellen sind zwar nicht mehr ganz so hoch, dafür kommen jetzt regelmässig Squalls kurze heftige Regenstürme in denen der Wind zunimmt und oft auch komplett dreht, so dass der Skipper permanent aufpassen muss, damit escape nicht aus dem Ruder läuft. Am letzten Tag unsere Passage kommt es noch einmal besonders dicke. Es regnet so heftig wie wir es noch nie erlebt haben und zwar nicht kurz, wie sonst in der Karibik üblich, sondern stundenlang ohne Pause.

Es schüttet wie aus Kübeln, überall ist Wasser, kein Fleck an Deck ist mehrt trocken. Den Skipper stört der Regen nicht sonderlich. Er ist froh, dass das ganze Salz, was sich im Laufe der letzten Tage an Deck gesammelt hat, wieder abgewaschen wird. Ausserdem ist der Regen ja warm. Wir passieren Barbuda über Nacht. Am Morgen lässt der Regen dann etwas nach. Es ist Tag 8 unserer Passage von der Chesapeake Bay in die Karibik. Vor uns liegen die grünen Hügel von Antigua. Ich fühle eine riesige Erleichterung😅 . Endlich wieder Land in Sicht😃. Auch meine Seekrankheit ist weg. 

Antigua voraus

Jetzt müssen wir unser Problem lösen. Nach wie vor haben wir ein Stück Seil im Schlepptau. Leider hat es sich nicht durch die Fahrt gelöst. auf der Seekarte sucht sich der Skipper eine grosse Bucht, wo wir unter Segel hineinfahren können. Es liegt auch kein anderes Boot dort. Wir lassen den Anker fallen. Sofort holt der Skipper die Tauchflasche aus der Backskiste und will starten. Meinen Rat, doch erst einmal eine Runde zu schlafen um sich ein wenig zu erholen bevor er ins Wasser geht ignoriert er. Tatsächlich ist noch ein dickes Stück Seil um den Propeller gewickelt. Es kostet den Skipper ein gehöriges Stück Arbeit alles mit dem Segelmesser abzuschneiden.

Dieses Stück Tau haben wir zwei Tage lang mitgeschleppt

OK, nachdem wir auch dieses Problem gelöst haben, können wir uns jetzt hier in der Bucht ein bisschen erholen bevor wir weiterfahren nach Englisch Harbour. Das denke ich zumindest. Aber wieder einmal überrascht mich mein Mann. Er möchte sofort weiter. Wie kann das sein? Er hat in den letzten Nächten kaum geschlafen und seit einer Woche keine richtige Mahlzeit mehr gehabt. Trotzdem will er keine Pause? Egal, ich versuche gar nicht das zu verstehen aber ich brauche eine Auszeit😬. Nach hartem Kampf setzte ich durch, dass wir zumindest eine Stunde Rast machen. Diese Zeit brauche ich alleine schon, um die Formulare zum Einklarieren für die Behörden auszufüllen. Ausserdem muss ich in den Infos der Salty Dawgs nachlesen, was wir denn jetzt eigentlich machen müssen, wenn wir an unserem Ziel in English Harbour ankommen. Ursprünglich wollte ich das während der Passage machen, doch Lesen oder gar Schreiben war in meinem Zustand einfach nicht drin. 

Unter Motor legen wir die letzten Meilen nach Englisch Harbour zurück. Die Bucht ist leer, ein schnelles Ankermanöver, dann haben wir es geschafft. Nach 8 Tagen und 1500 Seemeilen sind als zweites Boot der Salty Dawg Flotte am Ziel.

Fazit
Für 50% der Crew war diese Passage ein echter Albtraum, die anderen 50% haben zumindest zeitweise das Segeln genossen. Später, beim Austausch mit den anderen Salty Dawgs sind einige dabei, die den Törn als ähnlich unangenehm empfunden haben wie ich. Viele stimmen darin überein, dass die Atlantiküberquerung weniger heftig war als dieser Törn, obwohl sie mehr als doppelt so lang war.

Seekrankheit kann einen immer wieder treffen, auch wenn man vorher lange nichts damit zu tun hatte. Dabei ist auch die psychische Komponente nicht zu unterschätzen. In Situationen, die ich als bedrohlich empfunden habe, wurde es sofort schlimmer.

In Zukunft werde ich mich mehr mit dem auseinandersetzen, was auf mich zukommt. Aber mein Plan bis zum Tag der Abfahrt war ja auch nur eine viertägige Reise auf die Bahamas. 

Relevante Links

Die SY Flora, hat jeden Tag währen der Passage gebloggt. Hut ab, dazu wäre ich nicht ansatzweise in der Lage gewesen, hier die Erklärung der Route.

Video der SY Fatjax über den Törn von Hampton nach Antigua

Blog der Shipman 63 SY Fatjax über die Passage
Blog der Allure 45,9 SV Gerty über die Passage

6 Kommentare

  1. Du Aermste wirst seekrank?! Da fuehle ich mit Dir, obwohl ich mit Seekrankheit nie (grosse) Probleme hatte. Ich bin nur einmal, auf meinem allerersten Toern, leicht seekrank geworden. Dabei war mir aber nicht elend. Ich konnte sogar noch lachen dabei. Ich musste nur Neptun opfern und leider nicht den ueblichen ersten Schluck aus der Flasche von Hochprozentigem, sondern eine leckere Huehnersuppe. Wir hatten da doch tatsaechlich jemanden an Bord, dem es auch beim Gegenanknueppeln hoch am Wind bei Windstaerke 6 nichts ausmachte, unter Deck zu kochen. Der kam dann mit einer lecker aussehenden Huehnersuppe und einer Scheibe Toast ins Cockpit, und ich habe mit Genuss gegessen. Der letzte Bissen hatte dann aber schon „Gegenverkehr“. Ich erinnere mich noch jetzt an seine Worte. Er grinste und meinte in niederlaendisch eingefaerbtem Deustch, „Keine gute Idee, oder?“ Aber im Gegensatz zu anderen Seekranken an Bord konnte ich danach sofort wieder mit Appetit essen. Und das ist auch dringeblieben. Meine Erfahrung auf dem Toern war: wenn ich nur schnell genug von Deck in meine Koje und damit in die Horizontale kam, dann war es ok. Anderen Mitseglern ging es aber echt dreckig. Mir ist das mit dem Neptun Opfern noch zwei Mal auf dem Toern passiert, aber mir war immer weniger schlecht. Und nach diesem Toern bin ich nie wieder seekrank geworden: zum Glueck!
    Ich habe aber genug total seekranke Mitsegler gehabt und weiss, wie schlimm das sein kann. Als ich selber Skipper war habe ich immer einen Tipp von einem anderen Skipper beherzigt: Seekranke im Cockpit nur mit eingepicktem Sicherheitsgurt! Seiner Meining nach koennte es manchen so elend gehen, dass sie freiwillig ueber Bord springen wuerden, nur um das Leiden zu beenden. Davon war ich zwar nicht ueberzeugt, aber es war immer ein beruhigendes Gefuehl, nicht staendig ein wachsames Auge auf sie haben zu muessen.
    Aber jetzt kannst Du Dich ja prima in Antigua erholen.
    Zu Deinem Bericht hier sind mir noch ein paar andere meiner Erlebnisse eingefallen. Davon einmal spaeter, damit es es hier nicht zu lang wird,
    Liebe Gruesse,
    Pit

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    1. Hallo Pit, interessant was Du schreibst. Ich habe auch schon von den Schilderungen von Seglern gehört, die so stark seekrank werden, dass sie über Bord springen wollen. Natürlich war es bei mir nicht so weit, aber jetzt kann ich mir zumindest vorstellen, wie so etwas zustande kommen kann. Irgendwann ist man einfach nicht mehr Herr seiner Sinne und dann kann es zu Kurzschlussreaktionen kommen. Gruselig…

      Gefällt 1 Person

  2. Ahoi, Oh, du Arme… hab beim Kesen mit gekotten, Ich arbeite seit 17 Jahren als Schiffsärztin… oh die Seekrankheit… bin davon gelegentlich auch sehr betroffen und mich dann moch um due Gäste kümmern:-(, ein relativ unbekannter Tipp: hochdosiert Vitamin C, aber man muss schon einpaar Tage vor dem Segeln beginnen…( hab es selber bei der Transatlantik von Antigua bis Lissabon probiert… ging super, aber wir hatten nicht so rauhe See) liebe Grüsse Sabine

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