Besuch im Land der Amischen oder wieviel Fortschritt braucht der Mensch?

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Warum liegt escape Anfang November noch im Hafen von Annapolis? Im vergangenen Jahr waren wir um diese Zeit schon mit den Salty Dawgs auf dem Weg in die Karibik. In diesem Jahr warten wir darauf, dass die USA ihre Grenzen öffnen. Erst dann kann unser Mitsegler Rudolf einreisen, um escape mit dem Skipper in die Karibik zu überführen. Wir nutzen die Wartezeit, um noch etwas von Amerika zu sehen. Nachdem wir schon viel von Maryland und Virginia gesehen haben, wollen wir nun Pennsylvania erkunden.

In Pennsylvania in Lancaster County haben die „Amish people“ ihre Heimat. Die Amischen sind eine protestantische Glaubensgemeinschaft, die heute noch in vielen Bereichen so lebt wie vor 200 Jahren. Wie sieht das wohl aus im modernen Amerika?
Von Annapolis sind es zweieinhalb Stunden Fahrt bis nach Lancaster. Dort liegt eine ehemalige Amish-Farm, die heute als Museum dient. Bei der Haustour erfahren wir viel über die Lebensweise der Amischen.

Zimmer im Amish Museum in Lancaster.

Sie tragen auch heute noch die traditionelle selbstgenähte Kleidung, die weithin sichtbar zum Trockenen aufgehängt wird. Dabei wird darauf geachtet, dass alles sehr schlicht ist. Schon Knöpfe gelten bei den Frauenkleidern als unnötiger Zierrat.

Die Amischen wanderten im 18. Jahrhundert aus der Pfalz und der Schweiz aus. Dort wurden sie wegen Ihrer Religion unterdrückt. Das liberale Pennsylvania bot Ihnen eine Möglichkeit ohne Furcht Ihren Glauben zu leben. Damals wie heute lebten sie hauptsächlich von der Landwirtschaft. Die Amischen unterteilen sich in verschiedene Gruppen, die unterschiedlich streng bezüglich der Nutzung moderner technischer Errungenschaften sind. In der Gegend um Lancaster leben noch viele Amischen „Alter Ordnung“. Diese Gruppen leben sehr traditionell, nach strengen Regeln. Die Außenwelt wird soweit wie möglich gemieden. Wasser- oder Elektroleitungen werden abgelehnt, da sie eine Verbindung zur Aussenwelt darstellen. Die Farmen haben Brunnen und Windräder. Viele elektrische Geräte werden über Akkus betrieben, die erlaubt sind, weil sie ohne Leitungen auskommen. Die Amischen alter Ordnung sind sehr scheu und sprechen nicht mit Menschen ausserhalb ihrer Gruppe. Wenn sie Geschäfte abwickeln, dann meist über Mittelsmänner, die einer ähnlichen Glaubensgemeinschaft angehören, die aber weniger strikt ist und Kontakt mit der Aussenwelt erlaubt (beispielsweise die Mennoniten).

Insgesamt ist der Besuch im Museum eine gute Einführung in die Kultur der Amischen. Der Einruck wird allerdings etwas getrübt durch die Tatsache, dass das Museum mitten in einem Shoppingcenter liegt. Es ist schon etwas merkwürdig, wenn hier von einfachem Leben und reduziertem Konsum gesprochen wird aber nebenan ein riesiger Target Supermarkt liegt.

Das Museum bietet auch Touren über Land an. Doch wir möchten die Gegend lieber auf eigene Faust erkunden. Die Farmen der Amischen liegen zwischen den Landstraßen 340 und 23. Und dann sehen wir sie: die traditionellen schwarzen Pferdekutschen, die von den Amischen anstelle eines Autos genutzt werden.

Die Insassen sind kaum zu sehen, es scheint als ob die Pferde ihren Weg von alleine finden. Fotos sind bei den Amischen nicht erlaubt, so dass ich die Kutschen nur von hinten ablichte.

Wir fahren kreuz und quer hin und her. Die Farmen liegen malerisch in der herbstlichen Landschaft.

Zwischendrin liegen kleine Ortschaften mit so klangvollen Namen wie „Bird-in-Hand“ oder „Paradise“. Das Café in Bird-in-Hand ist bekannt. Die Kuchen wurden schon in der Show von Oprah Winfrey erwähnt. Wir halten uns an die hausgemachte Eiskrem.

An mehreren Stellen sehen wir kleine Shops, wo die Amischen ihre Erzeugnisse verkaufen. Es gibt selbsteingelegtes Obst und Gemüse. Auch für handgemachte Decken und selbst hergestellte Möbel sind die Amischen bekannt. Man bekommt den Eindruck, dass auch der Tourismus ein nicht zu unterschätzender Wirtschaftsfaktor für die Amischen ist.

In einem Hofladen erstehe ich eingelegte Gurken und Paprika. Den älteren Herrn hinter der Ladentheke spreche ich auf Deutsch an. Die Amischen hier sprechen „Pennsylvania Dutch“. Das hat aber nichts mit Holland zu tun, sondern es ist eine Art Pfälzer Dialekt, wie man ihn vor 300 Jahren gesprochen hat. Die Bezeichnung „Dutch“ rührt daher, dass es zu dieser Zeit „Holland“ und „Deutschland“ im heutigen Sinne noch gar nicht gab. Alle Leute, die aus dieser Ecke Europas stammten, nannte man damals in den USA „Dutch“. Leider komme ich nicht in den Genuss einer kleinen Unterhaltung in dieser Sprache, denn nach einem Satz wechselt der Herr wieder ins Englische und reduziert die Konversation auf das nötigste.

Teilweise besteht auch die Möglichkeit Amisch-Farmen zu besuchen, die aktuell bewirtschaftet werden. Doch diese haben nur am Wochenende geöffnet, so dass das nicht in unsere Reiseplanung passt. Vielleicht hätten wir eine Übernachtung auf einer Amisch Farm buchen sollen? Gerne hätte ich aus erster Hand mehr über diese besondere Glaubensgemeinschaft erfahren.

Einige Aspekte finde ich persönlich sehr interessant. Die Amischen feiern ihre Gottesdienste jeweils reihum in einem Ihrer Häuser ohne designierten Geistlichen. Angesichts der jüngsten Skandale der katholischen Kirche scheint eine solche Art der Glaubensausübung durchaus attraktiv.

Der Nachwuchs der Amischen wählt selbst ob er als Erwachsener in der Gemeinschaft bleiben möchte oder nicht. Mit 18 gehen die Jugendlichen auf die sogenannte „Rumspringe“, wo sie über Land reisen, um ihre Erfahrung mit der modernen der Welt zu machen. Danach können sie entscheiden, ob sie bei den Amischen bleiben oder lieber ein modernes Leben führen wollen. Letzteres schränkt allerdings auch den Kontakt zur eignen Familie stark ein. Aktuell wächst die Population der Amischen in Lancaster County, so dass es nicht für alle möglich ist eine eigene Farm zu bewirtschaften.

Grundsätzlich ist die Tatsache, dass man bewusst auf eine moderne Lebensweise verzichtet ein faszinierender Gedanke. Aber es ergeben sich auch viele Fragen. Wenn man ein bescheidenes Leben führen möchte und die Landwirtschaft auf einem sehr einfachen Niveau betreibt, warum nutzt man dann einen Laubsauger? Dies ist aus meiner Sicht das unnötigste Gerät überhaupt. Nein, kein Scherz wie haben an dem einen Nachmittag zwei verschiedene Amische gesehen, die jeweils ihren Hof mit dem Laubsauger bearbeitet haben.

Wenn man seinen Wagen von Pferden ziehen lässt, dieser Wagen aber gleichzeitig einen Dieselmotor hat, warum nimmt man dann nicht gleich einen Traktor? Auch der Verzicht auf elektrische Leitungen aus Glaubensgründen ist ökologisch fragwürdig, da durch den Umweg über die Akkus der Wirkungsgrad verschlechtert wird.

Es gibt also noch vieles was ich nicht verstehe. In der nächsten Zeit werde ich einige Bücher über die Amischen lesen, um etwas mehr zu erfahren.

Für heute ist unser Besuch im Land der Amischen erst einmal zu Ende. Wir fahren weiter nach Ephrata, wo wir im „Historic Smithton Inn“ ein Zimmer gebucht haben.

Unser Zimmer im Historic Smithton In

Relevante Links

Unseren Besuch gestartet haben wir im Amish Farm and House Museum, Lancaster
Eine Alternative, wäre das Amish Village, gewesen, was aber an dem Tag nicht geöffnet hatte

Übersichtsartikel über die touristischen Aktivitäten bei den Amischen in Lancaster, Pennsylvania

Wikipedia über die Amischen

Historic Smithton Inn

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