Von der Chesapeake Bay in die Karibik: escape segelt von Virginia nach Sint Maarten

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Gastbeitrag von Rudolf:

Tag 1 – 24.November
escape liegt im Bluewater Yachting Center in Hampton, Virginia. Annemarie wird schon um 04:00 Uhr vom Taxi abgeholt. Volker und ich nehmen noch ein gutes Frühstück ein. Dann um 08:50 Uhr legen wir ab. Der Wind hat deutlich nachgelassen, das Tief war in der Nacht durch und zieht vor uns her.

Gerade sind wir ins Fahrwasser der Chesapeake Bay eingebogen, ich bin noch mit dem Navi beschäftigt, da kommt eine Securité-Meldung (Sicherheitsmeldung): „U-Boot auf Kollisionskurs“. Ich schaue mich auf dem Wasser um. Tatsächlich sehe ich einen kleinen schwarzen Punkt in ca 4 sm Entfernung. Es dauert nicht lange, als Begleitschnellboote auf uns zu fahren. Ich bin wohl noch auf die kleineuropäische Nähe programmiert; wir fühlen uns weit von dem U-Boot entfernt. Die US-Marine ist aber anderer Meinung und eben vorsichtig, daher weichen wir noch weiter nach Steuerbord aus und signalisieren, dass wir uns fern halten. 

Wir setzen das Großsegel und Code Zero, machen aber nur 4 kn Fahrt, daher muss zusätzlich wieder der „Jockel“ an. Die Segel stehen dabei nicht gut, weil der Wind sehr veränderlich ist und auch nur 6 kn hat. Also Code Zero wieder rein und weiter geht es mit dem Groß.

Nach dem Passieren des Chesapeake-Channel-Tunnel haben wir erneut Kontakt mit einem einlaufenden Marine-U-Boot. Wir fahren sehr weit rechts im Fahrwasser. Trotzdem schießen bewaffnete Schnellboote auf uns zu. Sie fordern uns freundlich, aber unmissverständlich auf das Fahrwasser zu verlassen. Die Marine hat scheinbar Angst vor uns und braucht eine Menge Platz auf dem Wasser oder sie sind schon bei der Vorfeier zu „Thanksgiving“😊.

Nach Rundung von Cape Henry sind wir endlich auf dem freien Atlantik und setzen Kurs ab auf unser Ziel nach dem Golfstrom auf 34° 12´ N und 73° W, Kurs 138°. Die achterliche Welle und Wind aus 345° mit ca 3-6 kn zwingen leider zur Fahrt unter Motor mit Unterstützung durch das Großsegel.

Wir entfernen uns langsam von der Küste. Irgendwann ist dann auch das Handynetz weg. Die See rollt relativ ruhig von stb achtern an. Escape läuft wie auf Schienen vom Autopiloten sicher geleitet. Als die Abenddämmerung einsetzt bereiten wir alles für die Nacht vor und checken nochmals das Wetter. Volker bereitet uns noch eine leckere warme Mahlzeit. Er hat für eine Woche alles vorgekocht und tiefgefroren. Die Speisekarte ist hervorragend. Wir fahren schließlich nicht auf einem „Allerweltsboot“, sondern wie in einem schwimmenden Gourmet-Restaurant. Gut gestärkt gehen wir in unsere „4 Std.-Wachen“. Da meine biologische Uhr durch die Zeitverschiebung noch europäisch tickt, übernehme ich die erste Hundewache von 00:00-04:00 Uhr.

Die Routine hat sich eingestellt, alle Sicherheitsvorkehrungen sind sehr gut gelöst, der Autopilot arbeitet dank der hydraulischen Steuerung sehr präzise und super gut, (das kenne ich von anderen Schiffen ganz anders).

Nachts in Höhe von Wanchese vor Point Hatteras setzt dann doch sehr der Golfstrom ein. Die See wird viel unruhiger, da die alte Welle gegen den Strom läuft, der mit gut 2,2 kn nach NO schiebt. Der Wind kommt weiter aus NW. Wir werden ordentlich gebremst und müssen bis zu 30 Grad vorhalten. Die Wassertemperatur steigt sprunghaft von 12°C auf 26,6° C. Das hätte ich nicht für möglich gehalten. 

Tag 2 – 25. November
Weit und breit kein Schiff zu sehen, ich glaube wir sind allein auf dem Atlantik, doch dann gegen 04:00 Uhr taucht plötzlich ein AIS-Signal auf. Der Frachter „USNS Gordon“ passiert uns an Steuerbord in ca 0,6 sm Entfernung. Der Wind wird böiger von 4 bis 12 kn aus 110° bis 180° Steuerbord.

Der Tag wird sehr schön und sonnig. Am späten Nachmittag frischt es dann weiter auf, erste Böen bis 22 kn treten auf. In der Nacht frischt es weiter auf. Die alte Welle mit der neuen Windsee macht das Fahren unangenehmer. Der Autopilot müht sich den Kurs zu halten. Zum Schluss reffen wir das Großsegel ins 1. Reff und tauschen die Genua gegen die Selbstwende-Fock, danach läuft Escape viel ruhiger.

Tag 3 – 26. November
Am Freitag haben wir auch sonniges Wetter und Wind aus SW mit 20-24 kn. Die See zunehmend 2 m, die Welle aber gleichförmiger.

Ab Mittag dann zunehmender Wind aus SW durchgehend 6-7 Beaufort, in Böen bis 35 kn, heiter bis wolkig, See mit2,5 m Wellen aus westlicher Richtung. Wir reffen das Großsegel nochmals und auch gering die Selbstwende-Fock.

Zum späten Nachmittag kommt dann die vorhergesagte Wetterfront von Achtern auf. Der Wind legt weiter zu. Beständig 7 Beaufort mit Tendenz nach oben. Es beginnt zu regnen. Nachdem die Front durch ist, klart es etwas auf, der Wind bleibt aber und die Böen fallen heftiger ein, in der Spitze bis 42 Knoten. Wir reffen das Groß weiter und verkleinern auch noch die SW-Fock. Eine Zeit lang fahre ich Escape aus der Hand, was die Bewegungen ruhiger werden lässt, da man die anrollenden Wellen besser ausgleichen kann. Es kommt in Schauern jede Menge Wasser von oben, aber auch von der Seite. Escape ist sehr gut zu steuern. Länge läuft halt!

Tag 4 – 27. November
In der späten Nacht zum Samstag wird durch eine Welle plötzlich der Rettungsring über Bord gespült. Wir sehen die blinkende Leuchtsonde im Wasser schwimmen. Zu zweit schaffen wir es sie langsam wieder an Bord zu ziehen. Alles kann gerettet werden. Mehrere heftige Squalls fegen über uns hinweg, man kann sie sehr gut auf dem Radar erkennen. 

Gegen 04:30 Uhr dann ganz plötzlich wie mit dem Schalter umgelegt, völlige Windstille. Das Schiff eiert in den Wellen und wir müssen den Motor anwerfen. Der Wind kommt nach kurzer Zeit wieder, jetzt aber nicht mehr aus SW, sondern aus NW (345°), also genau von Achtern.Es braucht eine gute Zeit bis sich auch langsam die See beruhig. Der Wind bleibt aus 340 Grad etwa 4 bis 8 kn. 

Nach Sonnenaufgang wird es ein schöner Tag. Gegen Mittag können wir die Motorunterstützung wegnehmen und mit dem Code Zero fahren. 

Entspannung ist angesagt. Escape läuft aufrecht und ruhig dahin. Nach 3 Tagen ist endlich gründliche Körperpflege und Lüften angesagt und auch ruhigeres Schlafen😊.

Zum Abend wechseln wir für die Nacht auf die Genua, müssen aber wieder den Motor hinzunehmen. In der Nacht fahren wir nur unter Großsegel und mit Motor, Wind aus 340° mit 4-6 kn, See immer ruhiger nur noch Grunddünung.

Tag 5 – 28. November
Die Nacht zum Sonntag bleibt sehr ruhig. Gegen 02:30 haben wir Bergfest, ca 680 sm liegen nun hinter uns. Der Tag beginnt wieder mit einem schönen Sonnenaufgang.

Die Temperaturen sind sehr angenehm: Wasser ca 25 Grad, Luft ca 28 Grad bei sehr ruhiger See.Der Tag verläuft ruhig, Sonne pur, wir relaxen und lassen Escape mit Großsegel und Genua hoch am Wind laufen. Heute ist Angeln angesagt, nach ca 2 Std. der erste Biss. Leider haben wir Pech und der Haken reißt wieder aus. Schade, Volker dachte schon an einen leckeren Fisch in der Pfanne.

Frischer Fisch, nachdem wir gestern ein wunderbares Lamm-Karree hatten, das wäre das kulinarische Highlight gewesen. Hat eben nicht sollen sein, für Volker aber kein Problem, er holt einfach die Gambas aus der Truhe und zaubert ein sehr leckeres Mahl.

Wir segeln nun an der Nordostseite eines fest liegenden Hochs zwischen 25 und 22° N. Der Wind frischt wieder etwas auf, dreht aber von SW über S auf SSE mit gut 10-13 kn. Wir gehen auf den Backbord-Bug, um weiter östlich zu kommen, da irgendwann ja der Wind in die Passatwinde aus NE gehen soll, so dass wir unser Ziel besser ansteuern können. 

In der späten Nacht soll er dann wieder in Richtung SW schwenken. Wir stellen den Autopiloten so ein, dass er mit dem scheinbaren Wind von 30° fährt. Es zeigt sich, dass dies eine gute Entscheidung war. Unser Kurs passt sich sehr schön dem Wind an.


Tag 6 – 29. November
Nach Sonnenaufgang frischt es weiter auf 16-21 kn aus SSW. Wir segeln schön an der Windkante haben gut 20-25° Lage. Das mag Escape, Segeln vom Feinsten😊 mit über 9 kn Fahrt über Grund.

Tag 7 – 30. November
In der Nacht zum Dienstag lässt der Wind wieder nach. Wir fahren in die Flaute, wie angekündigt, da wir nun im Hochdruckkeil sind. Es muss erneut der Motor ran.

Am Dienstagmorgen ist plötzlich die Toilettenspülung bei mir defekt, aber auch dies ist kein Problem, denn Volker hat für alle wichtigen Teile Ersatz dabei. Wir tauschen den Schalter und das Steuerelement, danach ist alles wieder okay. Am Tag brennt die Sonne, kein Wind und es ist sehr schwül, wahrscheinlich wird es noch Gewitter geben.

Zum Abend hin hat die Flaute endlich ein Ende. Endlich kommt langsam der ersehnte Passatwind aus ONO. Er frischt auf 12-14 kn auf. Genua und Großsegel sind gesetzt und der Motor kann aus. Escape läuft mit 8-9 kn durch die Nacht. Plötzlich taucht auf dem Plotter ein AIS-Signal auf. Es ist die Segelyacht „Tango“, sie läuft parallel zu uns in ca 7 sm Entfernung achteraus. Super, ich dachte schon, wir sind allein auf dem Wasser. Wenn 2 Yachten auf dem gleichen Bug fahren, dann fährt man nicht seelenruhig allein dahin, sondern man schaltet unwillkürlich in den Regattamodus. Die Segelstellung wird überprüft, die Windfäden liegen gut an, alles gut. Die „Tango“ kann uns nicht einholen, wir sind einfach schneller. Irgendwann verlieren wir wieder das Signal. 


Tag 8 – 1. Dezember
Wir wir sind nun schon eine Woche auf dem Atlantik. Der Passat weht beständig, es sind noch ca 175 sm bis zur Simpson Bay auf Sint Maarten

Am Morgen nach dem Sonnenaufgang beim Ausreffen des Groß gibt es plötzlich einen kleinen Ruck im Baum. Es zeigt sich ein kleiner Segelriss im Unterliek. Sofort wird daher das Reff wieder eingebunden und die Genua steht voll.

Der Tag wird wieder ein herrlicher Segeltag. Zum Abend nähern wir uns langsam den Inseln, zuerst der Insel Sombrero Island. Auf dieser soll ein Leuchtfeuer stehen mit weißem Funkellicht alle 6 sec auf 17 sm sichtbar. Wer wird es zuerst sehen?

Doch auch als die Insel Sombrero an Backbord quer ab liegt, sehen wir kein Leuchtfeuer, erloschen? Egal wir wollen ja weiter nach St. Martin, dass man schon sehr hell am Nachthimmel sieht, aber noch heller kommt die Insel Anguilla, die etwas nördlicher liegt, ins Bild.

Gegen 22:00 Uhr haben wir „Dog Island“ an Backbord voraus. Die Insel ist unbeleuchtet und nicht zu sehen, dafür wird immer stärker Anguilla hell erleuchtet sichtbar, wie eine riesige Wohnanlage. Der Wind nimmt, wahrscheinlich durch Kapeffekte, deutlich auf 25-27kn zu. Wir sind froh, dass wir ein Reff im Großsegel haben auch die Genua ist etwas gerefft. In der Spitze fahren wir bis 11,4 kn, eine herrliche Nachtfahrt.

Ab Mitternacht gehen wir beide Wache, weil wir nicht wissen, ob zwischen den Inseln kleine Fischerboote unterwegs sind, die meistens unbeleuchtet sind. Zwischen Anguilla und St. Martin frischt der Wind noch etwas auf, um dann aber deutlich abzunehmen. Wir kommen in Lee von St. Martin und es riecht nach Land, allerdings gemischt mit Rauch von offenem Feuer.

Als wir die Landebahn des Airports querab haben, nehmen wir die Segel runter und motoren langsam in die Simpson Bay im holländischen Teil von St. Martin hinein. Wir sehen die meisten Ankerlieger auf dem AIS, aber einige haben kein Ankerlicht an, so dass wir uns unter Sicht sehr langsam dem Ankerfeld nähern. Wir machen einen guten Platz auf ca 7 m Tiefe aus, direkt an der Einfahrt zum Kanal der „Draw Bridge“.

Um 03:20 Uhr fällt der Anker, Maschine aus. 1350 sm liegen hinter uns. Wir haben es geschafft. Wir umarmen uns und trinken nach 7 Tagen und 17,5 Stunden unser erstes Anlegerbier, bevor wir uns etwas müde aber erleichtert für 4 Stunden ins Bett legen.

Um 07:30 Uhr fährt Volker mit dem Dingi zur Schleuse, um uns mit Annemarie, die alles vorbereitet hat beim Immigration-Officer anzumelden.

Danach geht es schnell zur Schleuse, die sich um 09:00 Uhr öffnet. 

Freunde von Annemarie und Volker jubeln und winken uns zu, als wir passieren.

escape vor der Simpson Bay Bridge
escape passiert die Simpson Bay Bridge. Foto SY INVIA

Ein Marinero bringt uns in die „IGY Simpson Bay Marina“, dort legen wir längsseits an. Nun haben wir es endgültig geschafft.

Es war für mich ein toller, erlebnisreicher Törn mit sehr guter harmonischer Seemannschaft. „Escape“ ist eine super Segelyacht, sie lief sehr gut am Wind und hat die Wellen perfekt genommen. Alles hat hervorragend geklappt.

Danke dem Skipper, der alles minutiös geplant hat und auch herzlichen Dank an Annemarie, die alle Ein- und Ausreiseformalitäten vor Ort erledigt hat.

6 Kommentare

  1. “ Nach 3 Tagen ist endlich gründliche Körperpflege und Lüften angesagt“

    Drei Tage nur? Ich erinnere mich an einen Ueberfuehrungstoern von Gran Canaria nach Mallorca, wo ich 14 Tage lang nicht aus (feuchten) Klamotten rausgekommen bin, weil erstens das Boot an der Rumpf-Deckshaus-Verbindung leckte und es dauernd auf meine Koje tropfte, und weil wir zweitens insgesamt 7 Tage hoch am Wind gegenan geknueppelt sind und staendig Gischt ueber kam. Ich hatte schon am zweiten Tag nach der Zwischenstation auf Madeira nur noch eine Garnitur trockene Unterwaesche und die wollte ich nicht anziehen, weil sie dann auch innerhalb von ein paar Minuten nass gewesen waere. Spaeter waren wir dann so in Eile, dass mir als Skipper in den Haefen wegen der Formalitaeten keine Zeit blieb. Die Crew hatte wenigstens etwas Zeit fuer die Koerperpflege. Ich denke heute noch daran zurueck, wie ich gemueffelt haben muss, und bedauere immer noch meinen Nebenmann im Flieger von Mallorca zurueck nach Deutschland.
    Oh wie schoen ist doch der Segelsport!!! 😀
    Liebe Gruesse,
    Pit
    P.S.: Bei dem Bericht kommt wieder Sehnsuch tauf in mir.

    Gefällt 1 Person

      1. Vor Allem nass!!! Hat aber trotzdem Spass gemacht – wenn auch nicht unbedingt in jeder Minute. Das war der Toern, bei dem wir die Butterbrote gleich auf dem Kajuetboden gemacht haben, weil im Seegang ja doch Alles dort landete. 😀

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  2. Ein Toernbericht, der recht viele Selbstverstaendlichkeiten hinsichtlich des Fuehrens einer Segelyacht in viel befahrenen Gewaessern schildert. Ein gewisser Stolz des Eigners, die escape sei kein Allerweltsschiff liess sich dabei nicht unterdruecken. Beeindruckend allerdings die Neigung und das Vorhandensein der zweikoepfigen crew zu kulinarischen Genuessen an Bord. Ob das Jubeln von Angehoerigen bei der Landung der seglerischen Leistung galt oder rein familiaer zu verstehen ist?

    Fair winds
    SY Bluetooth

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