escape auf Passage von Saint Martin nach Bermuda

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Am 25. Mai ist es soweit: Heute beginnt unsere Passage nach Bermuda. 866 Seemeilen liegen vor uns.

Beim Frühstück überrascht mich der Skipper mit einer Ankündigung: „Vielleicht setzen wir dann auf See den CodeZero.“ Wie bitte? Der Codezero ist unser großes Leichtwindsegel, was unter Deck in der Vorpiek liegt. Wenn wir den zu zweit an Deck hieven und anschlagen ist das schon am Ankerplatz eine ganz schöne Arbeit. Der Skipper muss auf dem Bugsprit balancieren um den Furler dort zu befestigen. Das ist keine Aktion, die ich gerne machen möchte, wenn wir zu zweit alleine auf dem Atlantik unterwegs sind.

Nach einer kurzen Diskussion erklärt der Skipper sich bereit den CodeZero noch am Ankerplatz anzuschlagen. Dann ist alles fertig, um 10.00h gehen wir Anker auf und verlassen Marigot Bay.

Es geht gut los. Bei 15 Knoten wahrem Wind aus 130 Grad läuft escape 9 Knoten. Wir queren den Kanal zwischen Saint Martin und Anguilla. Anschließend segeln wir an der Küste von Anguilla entlang. Ich denke zurück. Der Besuch der kleinen Insel Anguilla im Januar war für mich eines der Highlights dieser Karibiksaison. Nach einer Stunde haben wir den westlichsten Zipfel von Anguilla passiert. Wir luven an, das heisst escape läuft jetzt höher am Wind. Das Boot wird schneller, escape läuft jetzt konstant über 10 Knoten. Dafür haben wir auch mehr Lage.

Langsam verschwinden die Inseln am Horizont. Dann ist nur noch blau rings herum. Wir sehen keine anderen Schiffe, auch nicht auf dem AIS. Den ganzen Nachmittag über läuft escape mit über 9 Knoten oft auch mit deutlich mehr. Der Skipper ist hochzufrieden.

Ich überlege was uns wohl erwartet auf dieser Passage. Die Boote, die vor zwei Wochen die gleiche Strecke mit der ARC Europe gefahren sind, hatten drei Tage lang ständig Gewitter. Einer der Skipper schrieb, dass die Passage extrem anstrengend war. Da er von den Kanaren kommt und Starkwind und abrupte Windwechsel gewohnt ist, will das etwas heißen. Ich hoffe inständig, dass wir mehr Glück haben.

Der erste Tag auf See neigt sich dem Ende zu.

Auch nach dem Sonnenuntergang bleibt der Wind beständig. Zum Abendessen gibt es einen Salatteller, danach schlafe ich und der Skipper übernimmt ab 20:00 die erste Nachtwache. Um 22:00h werde ich wach, wir tauschen. Von Mitternacht bis 2.30h übernimmt der Skipper wieder die Wache, um 2.30h bin ich wieder dran. Für uns beide ist ein festes Wachsystem ungeeignet. Wir machen das so wie es gerade passt. Da keiner von uns länger schläft tauschen wir heute öfter.

Es sind keine Wolken am Himmel. Über uns leuchten die Sterne. Der Mond lässt sich die erste Zeit nicht blicken, als er dann endlich aufgeht, zeigt er sich als schmale Sichel.

Viele Segler schwärmen von Nachtfahrten. Ich werde nie dazugehören. Gähnend quäle ich mich durch meine Wachen und bin jedes Mal froh, wenn der Skipper mich ablöst. Dabei haben wir perfekte Bedingungen. Zwar wird der Wind etwas weniger, aber wir müssen nichts an der Segelstellung ändern. Wir haben keine Gewitter oder Squalls. Die ganze Nacht hindurch sehen wir kein anderes Schiff, so dass man es mit dem aufpassen nicht so genau nehmen muss.

Um 4.30h kommt mein persönliches Highlight. Da zeigt sich der erste schwache Lichtschein am Horizont. Langsam ändern sich die Farben bis die Sonne eine Stunde später tatsächlich aufgeht.

Zum Frühstück gibt es Joghurt mit Passionsfrüchten. Der Wind hat deutlich nachgelassen. Wir laufen teilweise unter 7 Knoten. Vielleicht sollten wir den Codezero nehmen? Nein das klappt nicht der Windwinkel ist zu spitz. Das große Segel flattert nur. Also rollen wir ihn wieder ein und lassen den Motor mitlaufen; sonst werden wir auf Dauer zu langsam. Wir motorsegeln den ganzen Tag. Der Atlantik is glatt wie ein Binnensee. 

Da der Skipper mangels Wind nicht viel zu tun hat, nutzt er die Zeit zum Kochen. Zum Abendessen gibt es Nudeln mit Hummer.

Es geht hinein in die zweite Nacht auf See. Während meiner Wache sehe ich auf einmal etwas auf dem Radar. Kommt da etwa ein Squall? Nein nur ein ganz kurzer Regenschauer. Danach ist endlich wieder genug Wind um zu segeln. Bis zum Vormittag können wir mir der Genua segeln. Dann wird der Wind weniger. Jetzt kommt der Codezero zum Zug. Damit schaffen wir bei 7 Knoten Wind auch 7 Knoten Geschwindigkeit. Das ist deutlich angenehmer als unter Motor zu fahren.

Bei Sonnenuntergang rollen wir das große Segel jedoch ein, da wir im Dunklen kein Risiko eingehen möchten. Wir haben jetzt genau die Hälfte unseres Weges geschafft. Das feiern wir mit einem alkoholfreiem Bier. Zum Abendessen gibt es Nudeln mit Lachs. 

Der Wind hat weiter abgenommen. Wir laufen die ganze Nacht unter Motor. Da ich ein gutes Buch lese und alles so problemlos läuft, mache ich eine Stunde länger Wache als der Skipper. Auch am Morgen gibt es keine Wetteränderung. Es herrscht Flaute. Der Skipper ist mittlerweile etwas genervt, weil ihm der Wind fehlt. Mich stört das nicht so sehr. Zu viel Wind wäre deutlich schlimmer für mich. Wir fahren diesen und auch den nächsten Tag komplett unter Motor. Selten haben wir so viel gelesen wie in diesen zwei Tagen. Manchmal sitze ich auch einfach nur an Deck und schaue auf das friedliche Blau um mich herum.

Highlights sind die Sonnenauf und -untergänge

Auch unsere letzte Nacht auf See motoren wir weiter. Am frühen Morgen kommt Bewegung in den Funk. Bermuda Radio überwacht den Seeraum großräumig. Alle Schiffe, die sich der Inselgruppe nähern, werden angefunkt, höflich begrüßt und dann befragt. Dabei werden nicht nur Basisdaten wie Registrierungsnummer und Crewdaten abgefragt, sondern auch solch Dinge wie die Marke der Rettungsinsel oder die 15-stellige Kennzahl des Seenotrettugssenders. In weiser Voraussicht habe ich alles schon elektronisch vorher nach Bermuda geschickt, so dass in unserem Fall nur ein kurzer Datenabgleich erfolgt. Sobald wir an der Einfahrt zu unserem Ziel sind, sollen wir uns wieder bei Bermuda Radio melden.Obwohl die Passage wirklich in keinster Weise unangenehm war, bin ich froh als ich endlich Bermuda erblicke. Wir segeln an der Ostseite der Insel entlang. Der erste Eindruck ist schon einmal vielversprechend.

Unser Ziel St. George’s liegt ganz im Norden. Von Bermuda Radio bekommen wir klare Anweisungen. Wir müssen mit dem Schiff unverzüglich an den Kai des Zollbüros kommen, um dort einzuklarieren. Ich erkläre dem freundlichen Beamten, daß wir dafür zuerst einmal Leinen und Fender vorbereiten müssen. Das dauert eine Weile, da wir nicht damit gerechnet haben an einen Steg zu gehen. Ausserdem haben wir das Gefühl, dass wir möglicherweise eine Leine im Ruder haben. Der Herr am Funk ermahnt mich noch einmal keine Frühstückspause zu machen. Dann erlaubt er uns kurz zu ankern, um alles für das Anlegemanöver vorzubereiten. Der Skipper springt ins Wasser. Es sieht so aus, als hätten wir etwas am Ruder gehabt, weil dort das Antifouling etwas abgeschliffen ist. Aber es hat sich wohl von alleine schon wieder gelöst. Wir beeilen uns und fahren dann auf die andere Seite der Bucht zum Zollbüro. Nach den Anweisungen über Funk bin ich gespannt, was mich dort erwartet. Ich bin positiv überrascht. Noch nie bin ich beim Einklarieren so freundlich empfangen worden. Neben den üblichen Formalitäten bekomme ich Hinweise über die Sehenswürdigkeiten der Insel.

Nach dem Einklarieren fahren wir zum Ankerfeld, Geschafft 😅🤩🤩🤩. Unser Törn von Saint Martin nach Bermuda hat genau 5 Tage gedauert. Der erste Tag der Passage war der schönste Segeltag der letzten Saison. Über den Rest des Törns gehen die Meinungen bei der Crew wieder einmal auseinander. Für mich war es entspannend, dem Skipper fand es langweilig und hat sich über den fehlenden Wind aufgeregt. Aber wenn ich an den Bericht der anderen Crew denke ist mir ein bisschen Flaute deutlich lieber als drei Tage lang Gewitter. Was meint Ihr?

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4 Kommentare

  1. Hallo Ihr zwei „Weltenbummler“, es ist schön den Blog zu lesen, einerseits fühlt man sich mitgenommen, andererseits ist man auch etwas neidisch…..

    Auf alle Fälle, genießt eure Reise und lasst uns weiter an euren Erlebnissen und Eindrücken teilhaben.

    Viele Grüße aus dem durchwachsenen Deutschland.

    G.Weber (Hennecke)

    Gefällt mir

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